Sandkasten Taktiken, Teil 1 – Flankierender Einsatz des MG

Ich habe mir vorgenommen, in unregelmäßigen Abständen, kleine Beiträge über Taktiken auf Gruppen- und Zugebene zu schreiben. Dabei erhebe ich nicht den Anspruch die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, sondern ich stütze mich auf die vorhandene Literatur, stelle diese bildlich dar und gebe noch meine eigene Meinung hinzu. Dieser Beitrag ist mein erster Versuch und beschäftigt sich mit einem geläufigen Missverständnis, dem flankierenden Einsatz des Maschinengewehrs. Früh beigebracht und häufig wiederholt, dennoch habe ich im Dienstalltag festgestellt, dass der Sinn dieses Grundsatzes nicht verstanden wurde. Für viele ist der flankierende Einsatz des Maschinengewehrs richtig und der frontale Einsatz falsch. Aber ist es wirklich so einfach, oder ist das ganze Thema doch etwas komplexer gestaltet?

In dem Buch “Feuerwerk” von Hans Edelmaier, Offizier des österreichichen Bundesheeres und Fachbuchautor, beschäftigt sich der Autor in dem Kapitel “Feuertaktik im Hinterhalt” unter anderem mit dieser Thematik. Edelmaier ist der Meinung, dass das Bundesheer die taktischen Grundsätze des Jagdkampfes zu sehr vereinfacht hat und in ein festes Schema pressen wollte, dass die Grundlagen teilweise in Vergessenheit geraten sind und damit eigenständige Lösungsansätze vernachlässigt werden.

Das ganze Kapitel bietet viele Facetten und ist deutlich zu komplex um es in Gänze in einem Blogbeitrag zu bahendeln, weswegen ich nur auf einen Punkt, den flankierenden Einsatz des MG, eingehen werde.

Hintergrund des flankierenden Einsatzes

In der ersten AGD (Allgemeiner Gefechtsdienst, österreichisches Bundesheer) aus dem Jahr 1959 werden die Vorteile des flankierenden Einsatzes des MG in Randnummer 130 dargestellt:

“Flankierendes Feuer ist deshalb so wirksam, weil

  • es für den angreifenden Feind überraschend aus einer Richtung kommt, die fast im rechten Winkel zur Angriffsrichtung liegt,
  • die Trefferwahrscheinlichkeit vervielfacht wird.”

Beide Punkte beinhalten eine gemeinsame Folgerung, welche regelmäßig nicht umgesetzt wird, doch schauen wir uns die beiden Punkte zunächst einzeln an.

Der bestrichene Raum

Der Infanterist ist stets bestrebt eine Stellung zu finden, die ihm einen möglichst großen bestrichenen Raum bietet. Dieser ist in vielen Vorschriften als der Raum beschrieben, in dem ein Ziel von gegebener Größe mit einer bestimmten Flugbahn getroffen werden kann. Nach dieser Definition handelt es sich um einen vertikalen Begriff, der durch die abfallende Geschossflugbahn und dem Terrain bestimmt wird.

Edelmaier erweitert diesen Begriff in eine zweite Dimension und nutzt ihn auch horizontal. Hierbei ist natürlich nicht mehr die Geschossflugbahn entscheidend, sondern die natürliche Streuung von Waffe und Schütze. Wie in den Abbildung 1 und 2 leicht zu erkennen ist, ist die Wahrscheinlichkeit mit einem einzigen Feuerstoß eins oder mehrere Ziele zu treffen drastisch erhöht, wenn die Ziele tiefgestaffelt in der Visierlinie positioniert sind, als wenn sie breit aufgefechert sind.

Ergänzt werden diese Überlegungen durch praktische Geometrie. Stellen wir uns den bestrichenen Raum als das vor, was er ist, nämlich eine Fläche, so erkennt man, dass in Abbildung 1 jedes Ziel einzeln anvisiert werden muss. In Abbildung 2 liegt hingegen jedes Ziel bereits im bestrichenen Raum, ohne das der Schütze viel machen muss.

Der Vergleich wird in Abbildung 3 bei einer schmalen und tiefen Formation verdeutlicht. Während die eine Stellung mit jedem Feuerstoß maximal ein Ziel treffen kann, hat die andere Stellung die Möglichkeit mit einem Feuerstoß mehrere verschiedene Ziele zu treffen und profitiert weiterhin von dem Vorteil, dass ein Geschoss das Ziel durchschlagen dürfte und unter Umständen sogar mehrere hintereinander aufgereihte Ziele treffen vermag.

Abbildung 1

Abbildung 2

Abbildung 3

Der Winkel zur Angriffsachse

Abbildung 4

Abbildung 5

Das erste Newtonsche Gesetz lautet:

Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmig geradlinigen Bewegung, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.

Dies lässt sich auch auf militärische Gruppierungen übertragen. Ist ein Angriff erst einmal im Gang benötigt es Energie und Zeit die neue Absicht umzusetzen. Um so größer die Richtungsänderung, umso mehr Energie und Zeit braucht es.

Daraus resultiert, dass dass der Überraschungseffekt um so größer ist, je größer der Winkel zwischen der Angriffsachse des Feindes und des flankierend eingesetzten Elementes ist. Das Bundesheer trägt dieser Tatsache Rechnung, indem es von einer fast rechtwinkligen Richtung spricht, wenn es von flankierendem Feuer spricht.

Vergleicht man die auftretenden Winkel zwischen einem am Rand der Verteidigungsstellung eingesetzten Maschinengewehr (Abbildung 4) und einem abgesetzten, flankierenden Maschinengewehrtrupp (Abbildung 5) ist zu erkennen, wie stark der Unterschied für den Feind sein wird sobald das MG das Feuer eröffnet. In der ersten Variante offenbart die bereits erkannte Stellung einfach nur deutlich mehr Feuerkraft, worauf gegebenenfalls durch leichte Änderungen reagiert werden kann. In der zweiten Variante offenbart sich eine komplett neue und unbekannte Gruppierung, welche die Deckungswahl auf Grund des großen Winkelunterschied erheblich erschwert. Das Bekämpfen dieser neuen Gruppierung bedarf eines vollkommen neuen Plan für das Gefecht, welcher nicht vorhandene Zeit für die neue Koordination benötigt. Der Überraschungseffekt ist deutlich größer.

Ist-Zustand

Häufig beobachtetes Bild im Truppenalltag ist ein am linken oder rechten Rand der Verteidigungsstellung eingesetztes Maschinengewehr (siehe Abbildung 4), welches von allen beteiligten als flankierend eingesetz bezeichnet wird. Könnte man die Zeit anhalten und die vorhandenen Winkel nachmessen stellt man jedoch fest, dass der vermeintlich flankierende Einsatz kaum einen Unterschied zum frontalen Einsatz in der Mitte der Verteidigungsstellung aufweist. Weder befinden sich im bestrichenen Raum des MG mehrere mögliche Ziele, noch ist der Einsatz für den gegner besonders überraschend. Doch warum wird dies immer wieder beobachtet?

Eine mögliche Erklärung mag der Gefechtsdienst mit Gefechtsmunition auf Truppenübungsplätzen sein. Die Gestaltung der Schießbahnen lässt, in Verbindung mit der Schießsicherheit, nur selten einen flankierenden Einsatz mit schweren Waffen zu. Das auf dem Truppenübungsplatz gefestigte Wissen wird in normale Truppenübungen, bei denen es keine Einschränkungen durch die Schießsicherheit geben würde, 1 zu 1 übertragen. Durch ständige Wiederholung wird die Übungskünstlichkeit über die Zeit zur Lehrmeinung.

Lagebeispiel

Ein Gruppenführer hat den Auftrag einen von West nach Süd-Ost verlaufenden Weg zu überwachen und von Westen annähernden Feind zu zerschlagen. Nach einer Erkundung des Geländes entschließt er sich die Stellungen seiner Hauptkräfte im südlich des Weges verlaufenden Buschwerk anzulegen, wohingehend sein MG eine abgesetzte Stellung ostwärts des Wegeknicks zugeteilt bekommt. Nach der Alarmierung durch einen Alarmposten, welcher die Wegesverlauf weit nach Westen hin aufklären kann, werden die Stellungen bezogen.

Die feindliche Gruppierung von vier feindlichen Personen bewegt sich in Schützenreihe den Weg entlang. Bezieht man sich auf die Bewegungsrichtung der feindlichen Kräfte ist der MGTrp aktuell frontal eingesetzt und die Hauptkräfte flankierend.

Der Gruppenführer hat dem MG-Trp ein Feuerverbot erteilt. Auf Befehl eröffnet der Gruppenführer mit seinen Hauptkräften das Feuer. Die feindlichen Kräfte reagieren sofort, gehen am Hinterhang der Straße in Stellung und nehmen den Feuerkampf auf.

In dieser Situation zahlt es sich aus, dass das MG so weit abgesetzt eingesetzt wurde und noch nicht aufgeklärt ist. Durch den fast rechten Winkel zu den feindlichen Kräften ist der bestrichene Raum ideal gelegt. Nach einer vorher befohlenen Wartezeit eröffnet das Maschinengewehr selbstständig das Feuer. Der Einsatzwert des MG ist hoch und die feindlichen Kräfte haben in dieser Situation nahezu keine Möglichkeit auf die Situation zu reagieren.

Der gewählte Ansatz bietet zwei Vorteile, welche eingangs bereits erwähnt wurden:

  1. Das Feuer kommt für den Feind überraschend aus einer fast im rechten Winkel liegenden Richtung,
  2. Die Trefferwahrscheinlichkeit wurde durch den günstig liegenden bestrichenen Raum vervielfacht.

Hätte der Gruppenführer sein MG-Trp ebenfalls südlich des Weges eingesetzt, wären beide Punkte nicht gegeben. Die feindlichen Kräfte hätten womöglich im Schutz der Straße ausweichen können. Zwar hätte man dem Feind den Zugang zur Straße ebenfalls verwehrt, doch ist der Gruppenführer dem Auftrag des Zerschlagens nicht nachgekommen.

Zusammenfassung

Das Maschinengewehr flankierend einzusetzen ist weiterhin ein guter und richtiger Ansatz, doch sollten sich junge militärischen Führer von dem Gedanken lösen, dass dies bedeutet, dass das MG am linken oder rechten Rand der Gruppe liegt.

Anstatt auf jede Situation das gleiche, eingefahrenes Muster anzuwenden gilt es im Kopf beweglich zu bleiben, die Lage neutral und unvoreingenommen zu beurteilen und logische Folgerungen zu treffen.

Stets sollte man sich fragen, wie man die vorhandenen Mittel am effektivsten einsetzen kann. Ein flankierender Einsatz des Maschinengewehrs ist nicht per se richtig, weil es flankierend eingesetzt wird, sondern es kann richtig sein, wenn der bestrichene Raum durch die Stellungswahl günstiger liegt.
Nähert sich ein Feind jedoch in einer schmalen und tiefen Formation, beispielsweise weil es das Gelände nicht anders hergibt oder er unsere Kräfte noch nicht aufgeklärt hat, bietet ein frontal eingesetztes Maschinengewehrs mehr Vorteile als man zunächst vermuten mag.

Ich möchte nicht verschweigen, dass ein weit abgesetzter, flankierend eingesetzter Trupp, wie ich ihn im oberen Beispiel dargesellt habe, auch Risiken birgt. Diese gilt es neutral zu bewerten und Risiko und Chance gegeneinander abzuwägen.

Für diejenigen, die immer noch lesen möchte ich mich auf jeden Fall für die Aufmerksamkeit bedanken und hoffe, dass ich ein wenig zum Nachdenken angeregt habe. Gerne kann der Sachverhalt auch in den Kommentaren diskutiert werden.

One reply on “Sandkasten Taktiken, Teil 1 – Flankierender Einsatz des MG

  • Sebastian Manschewski

    Sehr schön erklärt und regt einem zu Umdenken an. Oftmals ist es leider so das im Gefechtsdienst genau das falsche Bild gezeigt wird, ich werde mal sehen, ob ich im nächsten Biwak mal umdenken kann. Ich freue mich schon auf die nächsten Themen. MkG

    Antworten

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