Sandkasten Taktiken Teil 3 – Verteidigung

Ich habe mir vorgenommen, in unregelmäßigen Abständen, kleine Beiträge über Taktiken auf Gruppen- und Zugebene zu schreiben. Dabei erhebe ich nicht den Anspruch die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, sondern ich stütze mich auf die vorhandene Literatur, stelle diese bildlich dar und gebe noch meine eigene Meinung hinzu. Der heutige Beitrag stützt sich auf das Buch “Gefechtsausbildung mit Kampfbeispielen”, welches von dem Infanterieoffizier Matthias Kuster erstellt wurde. Das Buch ist angenehm zu lesen und sehr empfehlenswert, besonders durch die schönen Skizzen von Major Hans von Dach, welcher als Schweizer Offizier und Autor vielen ein Begriff sein dürfte.

Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Thema Verteidigung, ein Thema das an keiner Truppengattung vorbeigehen darf. Gedanklich versetzen wir und an die Ostfront, in den Winter 1943. Ein deutsches Bataillon hat den Auftrag sowjetische Truppen zu verzögern. Teil dieses Bataillons ist Unteroffizier Ludwig, welcher eingesetzt als Gruppenführer, den Auftrag hat den Vorstoß sowjetischer Kräfte entlang einer 10 bis 12 Meter breiten Straße zu verhindern. Der Zusammenhang der Gefechtsführung bestand, Verbindung zum rechten und linken Nachbar war sichergestellt, doch die Front des Bataillons wackelte.

ursprüngliche Verteidigungsstellung der Gruppe Ludwig
Ausgangsstellung der Gruppe Ludwig

Die Gruppe war für die bevorstehende Aufgabe sehr klein. 1 Unteroffizier, 9 Gewehrschützen und 1 Maschinengewehr. Als Ausrüstung hatte die Gruppe noch Maschinenpistolen, Karabiner, Handgranaten, mehrere Panzerfäuste und einige Panzerminen. Unteroffizier Ludwig war sich seiner Herausforderung bewusst und besonn sich an den Grundsatz, den er von seinem Kompaniechef gelernt hatte:

Die Infanterie von den Panzern trennen, dann kann man ran an die Panzer und sie im Nahkampf vernichten!

Kompaniechef des Unteroffizier Ludwig

Unteroffizier Ludwig wählte einen risikoreichen Entschluss. Seine vier erfahrensten Soldaten positionierte er 100 Meter hinter der Stellung, direkt an der Straße. Dort, eingesetzt als Sprengtrupp, sollte dieser die feindlichen Panzer vernichten. Der Großteil der Gruppe sollte die nachfolgende Infanterie bekämpfen. Seinen eigenen Standort wählte Ludwig dort, wo er den Schwerpunkt legte und die Entscheidung herbeigeführt werden sollte: beim Maschinengewehr. Gut getarnt durch Strauchwerk warteten die Soldaten auf den bevorstehenden Angriff.

Neue Gliederung des Unteroffizier Ludwig

Die Gruppe hörte anrückende Panzer. Rasch bezogen sie Ihre Stellungen, die Anspannung war spürbar. Nervös ließ die Gruppe vier feindliche Panzer passieren. Der Plan schien aufzugehen. Keiner der Panzer bemerkte die gut getarnten Stellungen. Hinter den vier Panzern folgte eine Kolonne Lastwagen mit aufgesessener Infanterie.

Die Falle schlägt zu

Die erste Detonation einer Mine war das Zeichen für die Feuereröffnung. Aus nächster Nähe eröffnete das Maschinengewehr das Feuer auf die Spitze der Kolonne. Bei den sowjetischen Kräften brach Panik aus, Infanterie setzte ab, schon bald brannten die ersten Fahrzeuge.

Der Sprengtrupp konnte zwei Panzer vernichten, doch zwei wichen aus

Während die feindliche Infanterie gut in Schach gehalten wurde, waren nur zwei feindliche Panzer vernichtet worden. Die verbliebenen zwei wichen aus und stellten für Ludwig nun eine große Gefahr dar, es herrschte akuter Handlungsbedarf. Ludwig wog seine Möglichkeiten ab und kam zum Entschluss:

Panzervernichtungstrupp bezieht sofort Stellung entlang der Straße und bekämpft auf meinen Befehl zwei ausweichende Panzer mit Panzerfäusten um den drohenden Gegenangriff abzuwehren!

Unteroffizier Ludwig

Der neue Schwerpunkt war klar. Zusammen mit dem Panzervernichtungstrupp bezog Unteroffizier Ludwig hinter einer Baumgruppe, gut getarnt vor der Sicht der ausweichenden Panzer, Stellung.

Die ausweichenden Panzer werden bekämpft

Die Geräusche der rasselnden Ketten wurden immer lauter. Schon bald schoben sich die Silhouetten der feindlichen Panzer vor die Sicht des Panzervernichtungstrupps. Der Panzerabwehrhandwaffe schoss los, traf den Panzer in seiner Flanke und sorgte mit einem ohrenbetäubenden Knall für den nächsten Ausfall eines feindlichen Panzers. Der letzte verbleibende Panzer war in voller Fahrt und schon bald verschwand er hinter einer Wolke aus aufgewirbeltem Schnee und war außerhalb der Reichweite der zweiten Panzerfaust.

Die sowjetischen Soldaten wichen hastig aus. Sie hatten 5 LKW und 3 Panzer verloren. Der Vorstoß entlang der Straße war gescheitert. Schon bald brach die Abenddämmerung ein. Eine unheimliche Stille, gedämpft durch Massen von Schnee, legte sich über die Stellung der Soldaten.

Wir errichten eine Wechselstellung auf der anderen Seite der Straße. Die alte Stellung werden sie morgen sicher unter Beschuss nehmen.

Unteroffizier Ludwig

Die Geschichte sollte Unteroffizier Ludwig wieder einmal Recht geben. Tatsächlich belegte der Gegner am Folgetag die alte Stellung mit PAK-Feuer, aber niemand wurde getroffen.

Die Gruppe Ludwig hatte einen Einbruch der Stellung erfolgreich verhindert.

Lehren aus der Geschichte

  • Schlüssel zum Erfolg ist die sinnvolle Wahl des Geländes. Das Gelände muss den Gegner in seiner Handlungsfreiheit einschränken. Im hier vorliegenden Fall verhinderten Relief, Vegetation und viel Schnee einen raschen Vorstoss der gegnerischen Kräfte.
    Der Gegner wurde kanalisiert und hat dadurch nur begrenzte Möglichkeiten des eigenen Handelns.
  • Eine klare Befehlsgebung und initiative Führung sind wichtige Elemente des Erfolgs. Wie in vielen anderen Beispielen auch entschied hier ein mutiger Unteroffizier das Gefecht.
  • Gute Tarnung ist die Grundvoraussetzung für ein überraschendes Zuschlagen und bildet das Fundament für eine erfolgreiche Verteidigung.
  • Eine Verteidigungsstellung muss Tiefe haben, durchgebrochene Gegner müssen noch bekämpft werden können. Im hier vorliegenden Fall war eine tiefe Staffelung riskant, brachte aber den erhofften Erfolg.
  • Benutze jede Gelegenheit für offensive Aktionen!

Eigene Meinung

Das vorliegende Beispiel muss stets in den historischen Kontext gesetzt werden. Heutige Kampfpanzer verfügen über hochmoderne Optik- und Optroniktechnik, welche eine frühzeitige Aufklärung der eigenen Kräfte viel wahrscheinlicher machen als zu Zeiten des zweiten Weltkriegs. Weiterhin haben sich die Taktiken von gepanzerten Kräften über die Jahrzehnte weiterentwickelt. Doch wie aus jedem Beispiel kann man seine eigenen Lehren ziehen und als Impuls nutzen die eigenen Taktiken zu überdenken und gegebenenfalls anzupassen. Die Qualifikation und Ausrüstung der eigenen Soldaten, sowie der gegenüberstehende Feind ist dabei natürlich stets die Grundlage für weitere Überlegungen.

Literaturempfehlung

  • Gefechtsausbildung mit Kampfbeispielen, 1987, Matthias Kuster
  • Unteroffiziere entscheiden ein Gefecht, in: Wehrausbildung in Wort und Bild, 1959, Major A. Bucher

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