Sandkasten Taktiken, Teil 2 – Die zwei Formen der Entfaltung

Obwohl es so ein grundlegendes Thema ist, welches in jeder Grundausbildung vermittelt wird, treffe ich immer wieder auf unterschiedliche Auffassungen, wenn es um die Entfaltung von der Schützenreihe in das Schützenrudel geht. Die Gesprächspartner spalten sich in zwei Lager: „vordere/hintere Halbgruppe“ und „linke/rechte Halbgruppe“. Obwohl meine Einstellung zu dem Thema feststeht, lohnt es sich immer ein Thema nüchtern und objektiv zu betrachten.

Ausgangslage

Eine Gruppe, bestehend aus zehn Soldaten bewegt sich entlang eines Weges in Form einer Schützenreihe. Auf Grund einer veränderten Lage oder sich änderndem Terrain entschließt sich der Gruppenführer seine Gruppe in das Schützenrudel umzugliedern. Dies bedarf keinem großen Koordinationsaufwand, da alle Soldaten gleich ausgebildet sind. Die Frage die sich stellt lautet jedoch: „Wie wurden sie ausgebildet?“

Eine Gruppe bewegt sich entlang eines Weges

Vordere/Hintere Halbgruppe

Eine Variante ist, dass die vorderen Soldaten die erste Halbgruppe, und die hinteren Soldaten die zweite Halbgruppe bilden. Bei der Entfaltung in das Schützenrudel bildet die erste, bzw. vordere Halbgruppe den linken Flügel (oder alternativ den rechten) und die hintere Halbgruppe den anderen Flügel.

“Klassische” Aufteilung

Vermeintliche Vorteile:

  • erste Halbgruppe ist schneller umgegliedert
  • Halbgruppen sind klar voneinander getrennt

Vermeintliche Nachteile:

  • zweite Halbgruppe braucht länger bis sie umgegliedert ist

Linke/Rechte Halbgruppe

Die andere Variante, welche in meiner Karriere nicht nur einmal vorgeführt wurde, ist die Teilung der Gruppe in eine Halbgruppe, welche auf der linken und eine Halbgruppe, welche auf der rechten Seite marschiert.

“Alternative” Aufteilung

Vermeintliche Vorteile:

  • beide Halbgruppen sind gleich schnell umgegliedert
  • geringerer Koordinierungsaufwand, da jeder Schütze bereits auf der richtigen Seite ist.

Vermeintliche Nachteile:

  • beide Halbgruppen brauchen verhältnismäßig lang, bis sie komplett entfaltet sind

Bewertung

Unter der Annahme, dass es tatsächlich wichtig wäre, dass beide Halbgruppen gleichzeitig entfaltet sind, scheint die zweite Variante vorteilhaft zu sein. Aber bietet dies wirklich Vorteile? Bewerten wir die Vor- und Nachteile in unterschiedlichen Lagen.

Überraschend auftretender Feind von vorne/hinten

Bei überraschend auftretendem Feind, gilt es die Initiative zurück zu gewinnen. Dazu bedarf es Manöverelementen mit hohem Einsatzwert. Eröffnen beiden Halbgruppen gleichzeitig das Feuer auf den Feind (linke/rechte Halbgruppe) sind auch die Magazine von beiden Halbgruppen gleichzeitig leer. Das immer gleiche Spiel zwischen Feuer und Bewegung ist nicht durchführbar. In der Variante vordere/hintere Halbgruppe bringt die erste Halbgruppe schneller Feuer an den Feind, muss dementsprechend schneller nachladen, kann dies jedoch unter dem Schutz des Feuers der zweiten Halbgruppe durchführen und sich gleichzeitig verschieben. In diesem Falls obliegen die Vorteile bei der Variante vordere/hintere Halbgruppe.

Bei der Variante Vordere/Hintere Halbgruppe ist die erste Halbgruppe (links) schneller in Stellung. Dies ist beim Ausweichen jedoch ein Vorteil

Überraschend auftretender Feind von links/rechts

Bei überraschend auftretendem Feind von links oder rechts ist die Umgliederung deutlich einfacher. Durch eine Drehung in die feindrichtung und ein verschieben von wenigen Metern bis zur nächsten geeigneten Stellung ist die Entfaltung vollzogen. In der Variante vordere/hintere Halbgruppe sind die Halbgruppen klar unterteilt und dem Gruppenführer stehen einzelne Manöverelemente zur Verfügung. In der Variante linke/rechte Halbgruppe sind nach der Umgliederung beide Halbgruppen miteinander verzahnt. Der erhöhte Koordinierungsaufwand für Gruppenführer und stellvertretenden Gruppenführer führt zu Fehlern und kostet Zeit. Dies zeigt sich besonders im MGTrp. Diese untrennbare Einheit ist plötzlich durch einen Soldaten einer anderen Halbgruppe getrennt, wodurch sich der MG2-Schütze über größere Distanz verschieben muss. Auch hier hat die Variante vordere/hintere Halbgruppe die Vorteile auf seiner Seite.

Der MG2-Schütze ist vom MG1-Schützen bei der links/rechts-Variante getrennt, der MGTrp kann dadurch nicht wirken

Überwinden einer Waldschneise im Sprung

Waldschneisen oder allgemein querverlaufende Wege werden im Sprung genommen. Dazu bedarf es einer Entfaltung von der Schützenreihe in das Schützenrudel. Dies geschieht in der Regel koordiniert und ohne Feinddruck. Hierbei kommt es auf einen möglichst reibungslose Entfaltung an. Durch den geringeren Koordinierungsaufwand mag es sein, dass bei der linke/rechte Halbgruppen-variante Vorteile vorhanden sind. Da diese jedoch kaum messbar sein werden, können diese vernachlässigt werden.

Folgerung

Die Variante linke/rechte-Halbgruppe kann sich besonders gut von der Schützenreihe in das Schützenrudel entfalten, vernachlässigt dabei jedoch zusätzliche Anforderungen und nimmt zusätzliche Nachteile in Kauf. Die vermeintlichen Vorteile wiegen weniger schwer als die vermeintlichen Nachteile und sind in der Praxis kaum verwertbar. Aus diesem Grund bleibt für mich weiterhin die Variante der vorderen/hinteren Halbgruppe in Nutzung.

One reply on “Sandkasten Taktiken, Teil 2 – Die zwei Formen der Entfaltung

  • WJ

    Gliederung Schützenreihe:
    1. Mann linke Reihe: MG-SCHÜTZE 2
    1. Mann rechte Reihe versetzt nach hinten: MG-SCHÜTZE
    Wenn man jetzt umgliedert in das Schützenrudel und die linke Reihe nach links und die rechte Reihe nach rechts wie ein V aufklappen lässt zur Linie, dann hat man den MG1 und MG2 dennoch zusammen. Diese können dann sofort Feuer an den Feind bringen, bis der Rest sich formiert hat, da sie selbst nicht umgliedern müssen.

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